Noch mehr Schüler als in den vergangenen Jahren demonstrieren am Samstag beim CSD in Oldenburg mit. Damit setzen sie ein Signal für mehr Vielfalt in der Gesellschaft. Im Gespräch mit Jugendlichen und Lehrern wird aber auch klar: In den Schulen muss sich noch was tun.

Schüler und Schülerinnen in der Region machen sich stark für Toleranz und Vielfalt: Noch einmal mehr Jugendliche als in den vergangenen Jahren haben sich zum CSD Nordwest angemeldet. Die IGS Kreyenbrück und die Helene-Lange-Schule aus Oldenburg, der Stadtschülerrat und erstmals das Gymnasium Brake sind am Samstag dabei. Den Stein ins Rollen gebracht hatte 2016 die IGS Kreyenbrück.

Engagiert sich für mehr Toleranz und Vielfalt: Jannis Gehl, Schüler der 13. Klasse der IGS Kreyenbrück (Foto: privat)
„Wir wollen ein politisches Signal setzen“, sagt Jannis Gehl, Schüler der 13. Klasse der IGS Kreyenbrück. „Wir kämpfen dafür, dass man der Mensch sein darf, der man ist.“ Damals hatte er einen queeren Arbeitskreis ins Leben gerufen. Die Schüler kümmerten sich um Infomaterial, Spendenaktionen und die Teilnahme an der CSD-Demo, mit der sie „einen Stein ins Rollen brachten“: Die IGS war die erste Schule, die beim CSD in Oldenburg mitdemonstrierte. „Es war ein tolles Gefühl, als wir zum ersten Mal als Schule bei der Demo mitgelaufen sind“, sagt Barbro Schönberger (43), Lehrerin an der IGS Kreyenbrück. „Die Leute am Rand haben applaudiert, als wir vorbeikamen. Das war großartig.“ 2017 schloss sich die Helene-Lange-Schule an, das Engagement der Schüler nahm Fahrt auf – und strahlte von Oldenburg auch in den Umkreis: So kommt es, dass das Gymnasium Brake in diesem Mal zum ersten Mal bei der Demo dabei ist.

„Ich finde es voll cool, dass sie mitlaufen“, sagt Mara Logemann (19), ehemalige Schülerin des Gymnasiums und mittlerweile Mitglied im CSD-Nordwest-Team. Schließlich sei der Umgang mit LGBTQ+-Themen in einer Kleinstadt wie Brake immer noch etwas anders als in größeren Städten. Auch gebe es weniger Angebote für schwule, lesbische und transsexuelle Jugendliche. Mara Logemann hat sich am Ende ihrer Schulzeit geoutet, 2018 lief sie zu zum ersten Mal bei der Demo in Oldenburg mit. Bei ihrem Coming-out hat es ihr geholfen, dass sie in der Schule Ansprechpartner und Hilfe hatte. Insgesamt werde das Thema in der Schule aber zu wenig besprochen, meint sie. „Irgendwann in der neunten Klasse im Biounterricht kam das mal dran“, sagt sie. „Das ist zu spät. Da haben sich viele schon eine Meinung gebildet – eine positive oder negative.“

Ansprechpartnerin für LGBTQ+-Jugendliche am Gymnasium Brake: Lehrerin Paula Schönberger (Foto: privat)
Paula Schönberger und ihr Kollege Tom Akkermann haben sich am Gymnasium Brake geoutet und sind als Ansprechpartner bekannt. Wie sage ich es meinen katholischen Großeltern? Wie hast du das mit dem Coming-out gemacht? – Oft kommen die Jugendlichen mit einer konkreten Frage zu Paula Schönberger. „Eigentlich wollen sie aber nur mal mit jemandem über das Thema sprechen“, weiß die Lehrerin. Immer noch sind mit dem Coming-out „Riesenängste“ verbunden. Einige haben schon mehrere Jahre lang Geschichten erfunden – zum Beispiel von Jungs, in die sie verknallt waren. Um zu verbergen, dass sie lesbisch sind.

Die Jugendlichen haben Angst, aus ihrer Clique ausgestoßen zu werden. Vor allem bei den Jungs in der Pubertät gebe es Unsicherheiten, ob sie sich beim Sport in einer anderen Umkleide umziehen oder auf Klassenfahrt in einem anderen Zimmer übernachten sollen. „Besonders schlimm ist der Vorwurf, man habe sein Coming-out, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen“, sagt Paula Schönberger. Das sei schmerzhaft – zumal die meisten sich nur das Gegenteil wünschten, nämlich nicht aufzufallen und weiter Teil der Gruppe zu sein. „Meistens ist ein Coming-out aber nicht so schlimm wie erwartet“, sagt Paula Schönberger. Abgesehen von kleineren negativen Erfahrungen sei es eine Erleichterung: „Eine große Last fällt von einem ab.“

Zurzeit weiß Paula Schönberger von vier Schülern, die an der Schule ihr Coming-out hatten. Das sei für eine Schule der Größe wenig, verglichen mit den Zahlen der letzten Jahre aber schon viel. „Manchmal wissen es alle anderen vor den Kindern selbst“, sagt Paula Schönberger. „Das ist dann schade, weil sie keine Chance haben, es selbst herauszufinden.“ Insgesamt beschreibt sie den Umgang der Schüler mit lesbischen oder schwulen Mitschülern als „entspannt“. Lästereien gebe es schon, aber ein Spießrutenlauf sei es längst nicht mehr. „Bei Transfrauen oder Transmännern wäre es aber noch mal ein anderer Fall“, vermutet die Lehrerin.

„Homosexuell zu sein ist für die Jugendlichen 100 Prozent Lebensrealität“, sagt Paula Schönberger. „In Schulmedien wird es aber nur zu 5 Prozent abgebildet.“ Und zwar dann, wenn es Thema ist. „Die Regenbogenfamilie im Englischbuch gibt es nicht. Homosexualität wird als Sonderkapitel behandelt.“ Ihre Forderung: Homosexualität, Transsexualität, Pansexualität – diese Themen sollten stärker in den Curricula verankert werden. „Aufklärung auch über diese Themen ist ein großer Teil davon, die Schüler zu demokratisch denkenden und mündigen Menschen zu erziehen.“ Für Oldenburg wünscht sie sich weitere Angebote für Jugendliche, damit diese Anschluss an die Community finden könnten. Die Schüler seien oft noch zu jung für Partys, wollten sich aber trotzdem zugehörig fühlen und suchten nach Kontakten.

UMFRAGE UNTER SCHÜLERN
Eine nicht repräsentative Umfrageunter jüngeren LGBTQ+ in Oldenburg und umzu hat der CSD Nordwest Anfang des Jahres auf Instagram durchgeführt. Das Team fragte nach dem Alltag der jungen Leute, Herausforderungen und Hürden und Wünschen. Viele Jugendliche fühlen sich als LGBTQ+ in Oldenburg grundsätzlich sehr wohl und akzeptiert – bis auf kleinere Probleme (Sprüche in der Schule, Reaktionen von Lehrern). Sie wünschen sich allerdings mehr Treffpunkte für junge Leute abseits von Bars und Discos, ein ruhiges Café zum Beispiel.

Vereinzelt wird von größeren Schwierigkeiten in der Schule berichtet, etwa von homophoben Sprüchen und Lehrern, die mitlachen, weil sie davon ausgehen, dass alle in der Klasse heterosexuell sind. Für Schüler, die sich noch nicht geoutet haben, sind diese Situationen sehr unangenehm. Ihnen würde es helfen, wenn Lehrer bei homophoben Kommentaren eingreifen und Homosexualität im Unterricht nicht nur im Zusammenhang mit HIV und Aids thematisiert würde. Auch Jannis Gehl meint, dass LGBTQ+-Themen in der Schule mehr Raum eingeräumt werden sollte. „Sie sollten fest im Lehrplan verankert sein. Wir wollen nicht mehr auf das Wohlwollen der Lehrer angewiesen sein“, sagt der 19-Jährige und gibt zu Bedenken: „Das Suizidrisiko ist bei LGBTQ+ höher als bei anderen Menschen. Es geht leicht unter, dass sie sehr leiden.“ Ein Allgemeinwissen sollte vermittelt werden, auch die historische Entwicklung der Szene und die Verfolgung von LGBTQ+ sollte Thema im Unterricht sein. Die IGS beschreibt Jannis Gehl als tolerante Schule. „Wir sind ausdrücklich eine Schule für alle“, sagt auch Lehrerin Barbro Schönberger. Die Rückendeckung für LGBTQ+ unter den Schülern sei da, auch gebe es geoutete Transfrauen und Transmänner. Trotzdem wünscht Jannis Gehl sich, dass mehr Lehrer die Thematik mit Ernst und Engagement behandeln. „Anfangs haben wir von Lehrern teilweise nur ein müdes Lächeln geerntet, als wir sie gefragt haben, ob sie beim CSD Nordwest mitdemonstrieren“, erinnert er sich.

Aber es hat sich auch einiges geändert: „Es gibt eine kleine Entwicklung, was das Coming-out angeht“, sagt Jannis Gehl. „In der Mittelstufe hatte ich das Gefühl, dass ich der Quotenschwule bin. Jetzt gibt es auch unter den Jüngeren mehr Coming-outs.“ Auch Mara Logemann dachte lange, dass sie die einzige lesbische Jugendliche sei. Aus ihrem Jahrgang hatte sich noch niemand geoutet. Erst nach der Schulzeit traf sie eine ehemalige Schulkameradin wieder, die sich mittlerweile als bisexuell geoutet hatte und ihr davon erzählte. „Das fand ich ganz cool, als ich das herausgefunden habe“, sagt Mara Logemann. Dass mehr Schüler der Mittelstufe sich trauen, diesen Schritt zu gehen, erklärt Jannis Gehl sich damit, dass sie heute ältere Schüler kennen, die sich bereits geoutet haben. Und vielleicht tragen die Lehrer, die offen mit ihrer Homosexualität umgehen, auch ihren Teil dazu bei?

Weil sie Ansprechpartnerin für die Jugendlichen sein will, ist Paula Schönbergers Leben nicht so privat wie das anderer Kollegen – mit Sinn, wie sie betont: „Ich sehe in meiner Situation den Bildungsauftrag. Ich habe eine Vorbildfunktion.“ Schon zur Zeit ihres Referendariats am Antonianum im katholischen Vechta hätten Schüler oder Eltern immer mal wieder gefragt, ob sie Kinder habe und wie alt die seien. Das war zu der Zeit, als Paula Schönberger und ihre Frau Barbro Eltern wurden. Mit ihrer Antwort – „sieben Wochen“ – habe sie oft für fragende Blicke gesorgt, da sie keinen Schwangerschaftsbauch gehabt hatte. Trotzdem antwortete sie immer – und machte nie schlechte Erfahrungen. „Die Eltern behandeln mich respektvoll“, sagt sie. „Auch wurde ich nie kritisiert, dass ich das Thema zu viel einbringe.“

Schüler, die für Toleranz auf die Straße gehen: Die Teilnahme am CSD sei nicht nur wichtig für das Signal nach außen. „Sie ist auch wichtig für das Gefühl an der Schule“, sagt Paula Schönberger. „Wenn eine Schule mitdemonstriert, heißt das, dass ich als Schüler Rückhalt finden kann. Das ist eine schöne Botschaft nach innen.“

Mehr zum CSD Nordwest erfahren Sie hier.

Bild- und Artikelnachweis: nwzonline.de

WAS BEDEUTET „LGBTQ+“

LGBTQ+ ist eine Abkürzung aus dem englischsprachigen Raum und steht für lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender und queere Menschen. LGBTQ+ wird als Sammelbegriff für nicht heterosexuelle Menschen und Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht dem binären Modell von männlich und weiblich entsprechen, verwendet.
„LGBTQ+-Themen spielen im Schulleben selten eine Rolle“, meint auch Paula Schönberger (33), Lehrerin am Gymnasium Brake und Teil des CSD-Nordwest-Teams, die mit Barbro Schönberger verheiratet ist. Auf dem Lehrplan stehe das Thema in Biologie, Religion und Werte und Normen. Wie ausführlich und auf welche Art und Weise es umgesetzt wird, hänge vom Lehrer ab. „Die LGBTQ+-Schüler wollen sich aber wiederfinden“, sagt Paula Schönberger. Die anderen wollen sich deutlich als ihre Freunde und Unterstützer positionieren – auch politisch.“ Darum sei den Schülern die Teilnahme am CSD so wichtig – zum ersten Treffen vor den Osterferien kamen 50 Schüler. Insgesamt sei das Interesse an politischen Themen bei den Jugendlichen wieder gestiegen, durch die Fridays-for-Future-Bewegung, aber auch durch den Aufschwung rechtspopulistischer Parteien. „Viele merken, dass man sich deutlich positionieren muss, dass LGBTQ+-Themen noch nicht überall in der Gesellschaft angekommen sind.“

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